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DAS GEZEITEN-BUCH (1)

Nieselregen.

Sunna mag Nieselregen! Erstens ist es gut genau das zu mögen, was die Heimat einem so häufig und reichlich schenkt und zweitens sind im Nieselregen weniger Menschen unterwegs. In dieser großen Stadt am Fluss. Nur die Hundebesitzer, die scheuen kein Wetter. Oder vielleicht doch? Aber ihre Hunde nicht.

An diesem nieseligen und trüben Abend ist sie mal wieder unterwegs an ihrem Lieblingsstrand. Jedes Mal sieht es hier anders aus. Die Elbe ist ein Gezeitenfluss und das Wasser steigt und fällt mit der Tide der Nordsee – des Atlantiks. Nicht selten noch unterstützt von kräftigem Wind. Ihre Augen suchen Strandgut, das durch Wind und Gezeiten immer wieder angespült wird: verwaschene Holzstücke, Plastikseilenden und Tampen, manchmal auch ein Gummistiefel. Von Wasser und Wellen geformte Kunstwerke aus allen möglichen Materialien. Sie fragt sich dann oft, welche Geschichte z.B. zu der schönen Porzellanscherbe mit Goldstreifen wohl gehören mag? Wo sie zerbrochen und wie sie ins Wasser gelangt ist. Welchen Weg sie dann mit dem Wasser genommen und wie lange das alles, was da geschehen sein könnte, schon her sein mag. Ja, wenn sie eine Künstlerin wäre! Dann würde sie vielleicht nach diesen Geschichten suchen und sie den Menschen sichtbar und erfahrbar machen Irgendwie. Aber ihr Tag ist reichlich voll mit ihrer Arbeit für ein großes Baustoffhandelsgeschäft. Da ist keine Zeit für „sowas“.

 

 

Da hält sie plötzlich überrascht inne: vor ihr, direkt am Wassersaum liegt ein ziemlich dickes Buch.

 

Ob es jemand verloren hat? Nein – es sieht ganz eindeutig so aus, als hätte der Fluss, zusammen mit Wind und Wellen, es hierhergetragen.

Genau vor ihre Füße.

 

Es hat einen dunkelblauen, feinen Ledereinband mit einigen unleserlichen, goldenen Zeichen darauf. Als sie sich bückt, um es aufzuheben bemerkt sie wie schwer es ist. Gänzlich durchweicht und vollgesogen mit Wasser! Es kommt sicher aus dem Fluss und ist nicht erst vor kurzem einem Spaziergänger aus der Tasche gefallen. Außerdem würde jemand schon am Gewicht bemerken, wenn er oder sie! solch ein dickes, schweres Buch aus der Tasche verliert. Sie ist also entschieden: es muss sich um Strandgut handeln. Und Strandgut gehört nach schöner, alter Tradition schließlich demjenigen, der es findet.

 

Trotzdem zögert sie einen Moment, bevor sie dieses schwere, triefendnasse Buch zu öffnen versucht. Was für ein Buch mag das sein? In welcher Sprache ist es geschrieben und was ist sein Inhalt? Sie versucht die Seiten mit ganz vorsichtigen Bewegungen auseinander zu blättern, aber das scheint nicht möglich, ohne sie dabei zu beschädigen.  Einen kurzen Blick nur kann sie erhaschen und leider hat sie wohl eine leere Seite erwischt. Aber der Einband ist wirklich schön.

Und da ist es entschieden: sie wird das tropfnasse Buch nach Hause tragen und dort vorsichtig und langsam trocknen. Dann wird sie seinem Inhalt wohl auf die Spur kommen…

 

 

Zuhause angekommen wickelt sie das Buch fest in alte Handtücher und als sie kurze Zeit später in ihrem Bett liegt, spürt sie nicht nur Neugier und Vorfreude auf das Geheimnis und den Inhalt des Buches, sondern auch ein feines, zartes und irgendwie warmes Gefühl. Fast wie ein Gefühl, als sei nicht ein nasses Buch, sondern heute ein neuer Freund in ihr Leben getreten.

 

 

Am nächsten Morgen wechselt sie gleich als erstes die Handtücher, in die das Buch eingewickelt ist. Weil sie es kaum erwarten kann das Buch wirklich in ihrem Schoß liegen zu haben, die Seiten auseinander zu blättern und endlich zu lesen, bearbeitet sie die Seiten auch noch vorsichtig mit warmer Luft aus dem Haarföhn. Tatsächlich kann sie es jetzt vorsichtig öffnen und die Seiten voneinander trennen. Als sie aber immer mehr Seiten umblättert, traut sie ja ihren Augen nicht!

Ungläubig streichen ihre Finger und Hände wieder und wieder über die feuchten Seiten: sie sind leer!

ALLE?

Alle.

 

 

Später am Tag sitzt Sunna im Büro am Schreibtisch und hat Mühe ihre Gedanken zusammenzuhalten und sich auf die Notwendigkeiten des Tages zu konzentrieren. Immer wieder ertappt sie sich dabei, wie sie an dieses geheimnisvolle Buch zuhause in ihrem Wohnung denkt. 

 

Ein dickes Buch aus festem, kräftigem Papier. Eingebunden in feines, mittlerweile -im getrockneten Zustand- himmelblaues Leder mit einer goldenen Prägung auf dem Einband. Ganz ohne irgendeinen Text? Bilder? Irgendwelche Information?

 

 

Versonnen blickt sie aus dem Fenster in den Hof, wo unentwegt Be- und Entladen wird. Sie arbeitet nun schon mehr als 15 Jahre in der Buchhaltung dieses großen Baustoffhändlers. Die Arbeit fällt ihr leicht, erfordert aber hohe Konzentration und immer wieder muss sie in kürzester Zeit und unter Hochdruck irgendwelche Zahlen zusammenstellen und auswerten für Werner, ihren Chef. Werner spricht nicht viel und gehört eher zu den etwas mürrischen Zeitgenossen. Wenn Werner dann ihre Zahlen kommentarlos entgegennimmt und sich sofort in die Auswertung dazu vertieft, dann weiß sie: alles ist okay. Für ein „Danke“ oder einen freundlichen Blick hat er eben keine Zeit.

 

 

Es ist, wie es ist und sie verdient genug Geld für eine kleine Wohnung am Stadtrand und für ihren eher bescheidenen Lebensstil. Es ist genug. Es ist „okay“. Ist es auch gut? Ist es so, wie sie sich ein Leben als erwachsene Frau mit Anfang 30 einst vorgestellt hatte? Sie kann sich eigentlich gar nicht mehr erinnern, ob und welche konkreten Vorstellungen und Sehnsüchte sie womöglich vor 15-20 Jahren gehabt hatte.

Es ist okay, wie es ist und für mehr hat sie auch gar keine Zeit.

 

 

Und dann dieses himmelblaue Buch da Zuhause. In ihrem Wohnzimmer. Es beschäftigt sie. So schweift ihr Blick schon wieder zum Fenster hinaus und diesmal über den Hof hinweg, wo sie die alten Bäume eines Parks erkennen kann. Der Park gegenüber dem Firmengelände.

 

Sunna wirft einen schnellen Blick zur Uhr, obwohl sie genau weiß, dass es bereits Mittag ist. Und sie entscheidet spontan, heute einmal die Mittagspause nicht an ihrem Schreibtisch alleine mit ihrem mitgebrachten Butterbrot zu verbringen, sondern einen Spaziergang hinüber in den Park zu machen.

 

Überrascht schauen die Kolleginnen auf, als sie mit Jacke und Handtasche den Raum verlässt. „Wohin gehst Du denn?“ fragt Anna, die etwa im gleichen Alter wie Sunna, gerade die Papiere auf ihrem Schreibtisch zur Seite schiebt, um ihr mitgebrachtes Mittagbrot auszupacken.

 

„Raus!“ antwortet Sunna kurz und knapp. Sie weiß gerade keine Antwort und mit schnellen, eiligen Schritten strebt sie dem Park zu, so als wollte sie verhindern, dass sie noch jemand mit irgendeiner Frage aufhalten kann.

 

 

Im Park angekommen verlangsamt sie ihr Tempo und sie lässt den Blick schweifen, bis er an einer Bank im hinteren Teil des Parks hängen bleibt. Dorthin führt sie ihre Schritte jetzt und lässt sich dann aufatmend nieder. Ihr Mittagbrot hat sie leider, dank ihres spontanen Aufbruchs, im Büro vergessen.  Na, macht nichts. Hungrig ist sie heute ohnehin nicht. Aber etwas zu trinken bräuchte sie. Sie blickt sich um und überlegt, welche Möglichkeiten es gibt hier im Park, oder ganz in der Nähe, etwas zum Trinken zu kaufen. Auf der gegenüberliegenden Seite des Parks steht auch eine Bank. Dort sitzt eine alte Frau mit einem großen Rucksack neben sich. Sie muss wohl eben erst gekommen sein, denn als Sunna nach einem Platz für sich im Parkt suchte, war die alte Frau noch nirgends zu sehen gewesen.

 

 

Die alte Frau erwidert freundlich Sunna’s Blick und erhebt sich etwas schwerfällig. Sie packt ihren Rucksack zusammen und setzt sich langsam in Bewegung. Sie kommt den Weg auf Sunna zu und gerade, als sie direkt vor ihr angekommen ist, nickt sie freundlich und bleibt stehen. Sunna fühlt sich unsicher und weiß nicht wohin sie schauen soll, denn eigentlich findet sie die Frau hochinteressant. Aber eine Fremde so unverhohlen neugierig anzustarren gehört sich ja wohl nicht. Doch die Frau macht es ihr leicht: „Ich glaube ich muss mich doch noch einen Moment ausruhen. Darf ich?‘ fragt sie und deutet auf den Platz neben Sunna.

 

„Ja, gerne!“ antwortet diese und lässt jetzt alle Höflichkeiten fahren, in dem sie sich erwartungsfroh ganz der alten Frau zuwendet, die jetzt auf der Bank neben ihr Platz nimmt. Sunna schaut und wartet.

 

„Ich bin Alea“ sagt da die alte Frau.

 

„O, ich bin Sunna.“

 

„Da haben wir ja beide nicht gerade alltägliche Namen!“ lacht die Alte fröhlich.

 

„Meine Familie stammt ursprünglich aus Friesland. Da gibt es noch mehr so eigenartige Namen. Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, dass manche Menschen ein zweites Mal oder sogar irritiert gucken, wenn sie meinen Namen hören…“

 

„Du bist eben etwas Besonderes! Darum gucken die Menschen.“

 

Sunna erschrickt. „Nein! Das nun ganz gewiss nicht.“

 

Und in diesem Moment fällt ihr das himmelblaue Buch wieder ein. Mit diesem Buch hat es irgendetwa Besonderes auf sich! Immerhin hat es auch dazu beigetragen, dass sie ihre Alltagsroutine verlassen hat und hier im Park mit dieser alten Frau nun sitzt.  So etwas ist ihr wirklich noch nie zu vor passiert. Sunna ist eher zurückhaltend. Insbesondere Fremden gegenüber ergreift sie nie die Initiative.

 

 

Und irgendwie macht sie das hier jetzt alles auch unruhig. Sie muss doch gehen! Die Mittagspause ist sicher schon fast zu Ende und es wartet noch so viel auf ihrem Schreibtisch. Sie darf jetzt nicht noch mehr Zeit mit alten Frauen und himmelblauen Büchern vertrödeln, sonst wird sie nicht fertig mit ihrer Arbeit.

 

 

„Ich muss leider zurück ins Büro...“ sagt sie deshalb schnell zu der alten Frau und springt auch gleich auf.

 

„Ah, ja…so ist das! Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Ich wünsche Dir eine gute Reise und mache jetzt auch, dass ich weiterkomme. Vielleicht bis zum nächsten Mal!“

 

Gute Reise?

Aha.

Schon etwas merkwürdig, diese alte Frau. Aber der Satz „Manchmal sind die Dinge nicht, wie sie auf den ersten Blick erscheinen“ erinnert Sunna an irgendetwas.

 

Es will ihr aber einfach nicht einfallen, woran…