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DAS GEZEITENBUCH(2)

 

Endlich 17 Uhr. Jetzt nach Hause zu dem himmelblauen Buch.

Manchmal sind die Dinge nicht, wie sie scheinen.

 

Sie öffnet die Tür zu ihrer kleinen Wohnung und Stille umfängt sie. Legt sich wie ein grauer, grober Mantel um sie. Nicht wirklich warm und heimelig, aber vertraut.

Zuhause.

Als erstes schaut sie nach dem himmelblauen Buch. Es ist noch heller geworden, das Leder und schon ganz trocken jetzt. Es fühlt sich weich und zart an. Sanft und liebevoll. Sie fühlt mit ihren Fingern, die über den Einband streicheln. Sie öffnet es und berührt das jetzt trockene Papier. Ihre Finger laufen einfach durch die Seiten und sie überlegt, was sie mit den leeren Seiten dieses Buches wohl anfangen könnte? Wenn sie schreiben könnte, dann wäre es ein feines Buch für eigene Aufzeichnungen. Aber worüber könnte sie schon erzählen? Da ist nichts in ihrem Leben, was lohnt aufgezeichnet – festgehalten zu werden. Dieser Gedanke macht sie traurig. Aber ist es so, wie es scheint? Ja, die alte Frau im Park vorhin. DIE hätte sicher vieles zu erzählen, was wert wäre in so ein schönes Buch geschrieben zu werden. Sunna fühlt ein Ziehen von Bedauern in ihrer Brust, dass sie vorhin so aufgesprungen und ...ja: weggelaufen war. Sie hätte sich tatsächlich gerne unterhalten. Mit dieser ungewöhnlich aussehenden Frau. Warum sie wohl mit einem so großen Rucksack unterwegs ist? Ob sie am Ende eine von diesen bedauernswerten Obdachlosen ist? Aber bedauernswert sah sie doch nun wirklich nicht aus.

Manchmal sind die Dinge nicht, wie sie scheinen.

Doch, wie SIND die Dinge denn?

Ihre Finger sind ganz vorne im Buch angekommen. Am Anfang. Versonnen und nachdenklich betrachtet sie diese allererste und leere Seite. Womit fängt es eigentlich an? Ein Buch? Ein Leben? Mit einem Titel. Hatte dieses Buch einst einen Titel? Ein Leben? Hat das Wasser alles weggewaschen? Oder war es schon immer so leer. Das Buch. Und ihr Leben. Automatisch dreht sie die erste Seite noch einmal, um nach einem Titel zu schauen.

Und da steht etwas.

Ihr Herz setzt einen Schlag aus und klopft dann wie verrückt. Ihr ist heiß und kalt gleichzeitig. Sie blinzelt und schaut noch einmal, aber es bleibt: das leere Buch hat einen Titel. „Manchmal sind die Dinge nicht wie sie scheinen“ steht dort. In dunkelblauer, altertümlicher Schrift. Nichts weiter als dies und so belanglos diese Worte in anderem Zusammenhang sein würden: Sunna weiß gerade nicht, ob sie träumt oder wach ist. Hat sie Halluzinationen? Aber, dass in Büchern hin und wieder Worte zu finden sind…ist ja nicht wirklich ungewöhnlich. Nur, wie passt das hier alles zusammen? Die alte Frau im Park? Hat sie nur geträumt, oder war das eine reale Begegnung? Hat sie wirklich zu ihr gesagt, was sie gesagt hat? Und was jetzt hier, in diesem eigentlich leeren Buch steht?

Sunna ist sich sicher: davon wird sie niemandem etwas erzählen. Nicht solange sie selbst weiß, was hier eigentlich Wirklichkeit und was Traum ist.

Aufmerksam betrachtet sie noch einmal die Worte und diese ungewöhnliche Schrift. Irgendwann in ihrem Leben hat sie solch eine Schrift schon einmal gesehen. An irgendetwas erinnern diese sie. Eine vage Erinnerung, mehr die Erinnerung an eine Erinnerung. Das gleiche Gefühl, das auch dieser Satz „Manchmal sind die Dinge nicht wie sie scheinen“ in ihr auslöst.

 

Das Klingeln des Telefons katapultiert sie in die kühle, graue Wirklichkeit ihrer kleinen Zweizimmerwohnung zurück. Ihre Freundin Anna ist am Telefon und möchte sich mit ihr am Freitag auf ein Glas Wein zum „Mädelsabend“ treffen. Sunna hat sofort vor Augen, was sie erwartet, wenn sie dem Vorschlag folgt und sagt spontan:“ Du, tut mir leid! Ich bin total beschäftigt gerade. Ich melde mich später irgendwann bei Dir, ja? Und am Freitagabend habe ich auch schon was vor.“

Anna schweigt verblüfft, dass ihre Freundin Sunna an einem Freitagabend schon etwas vorhat? Und überhaupt so beschäftigt ist? Sunna lässt ihr aber keine Zeit weiter nachzufragen und beendet das Gespräch knapp und eben gerade noch höflich.

Es ist kalt im Zimmer. Sunna hat gar nicht daran gedacht, die Heizung anzumachen, als sie vorhin nach Hause gekommen war. Das Buch hingegen fühlt sich warm an.

Sunna legt es auf die Fensterbank und dreht den Heizkörper darunter etwas höher.

Anna ruft noch dreimal an, an diesem Abend. Aber Sunna hat das Telefon stummgeschaltet und hört es nicht. Sie hat einige Fotoalben aus dem Schrank genommen und betrachtet die Fotos ihrer Kindheit. Und die Erinnerungen dazu? Passen sie zu den Fotos? Sie kennt eigentlich nur noch die Erinnerungen, die die Fotos in ihr wecken. Andere sind schwer zu finden. Da muss doch mehr sein? Manchmal sind die Dinge nicht so, wie sie scheinen.

 

Vor dem Schlafen nimmt sie noch einmal das himmelblaue Buch in die Hände und sitz einen Moment ganz still.

Ein himmelblaues Buch und sie, Sunna.

Leer und still.

Nicht unangenehm, aber ein wenig fremd.

 

Am nächsten Morgen leuchtet ihr das himmelblaue Buch entgegen, als Sunna ins Wohnzimmer tritt. Die Sonne durchflutet den Raum und leuchtet fast mit dem himmelblauen Buch um die Wette.

Sie nimmt es wieder ruhig in ihre Hände und schlägt die Titelseite auf.

Ja, da steht es wieder: „Manchmal sind die Dinge nicht, wie sie scheinen“.

Absichtslos blättert sie eine Seite vor und ist sofort hellwach. Diese Seiten waren ganz sicher gestern noch leer! Und jetzt stehen hier Worte. Ein ganzer Text! In genau der gleichen altertümlichen Schrift, wie der Titel auf der Seite zuvor. Sie hat plötzlich große Angst, dass sie alles nur träumt und die Worte womöglich mit dem nächsten Atemzug schon wieder verschwunden sind und deshalb fliegen ihre Augen wie gierig über die Worte: