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ER HEISST KURT

Er heißt Kurt. Kurt sitzt mir am Tisch gegenüber und beide haben wir eine große Portion „Fish’nChips“ vor uns stehen. Scheinbar etwas verunsichert blinzelt er in meine Richtung. Die Sonne steht schon ziemlich tief… Er sagt aber nichts. Ich sehe, wie ihn der Hunger packt, als er nun zu essen beginnt. Ich nehme auch ein Stückchen Fisch und tunke es in diese leckere Knoblauchsauce ein. „Mmh…wie lecker!“ sage ich. Er nickt nur. Zu hungrig, um die Zeit mit Reden zu verschwenden im Angesicht des vollen Tellers.

 

Was mach ich nur?

 

Da hat mich mein spontaner Impuls ja in eine besondere Situation gebracht. Ich würde gern mit ihm reden. Aber mir will einfach nicht einfallen, welche Zauberworte diese Situation gerade braucht. Also schweige ich. Hunger habe ich keinen. Es ist mal wieder meine Neugier, die mich in diese Lage gebracht hat.

 

Die Neugier des Herzens.

 

Vor einer guten Viertelstunde habe ich Kurt angesprochen. Es war so ein Impuls direkt aus dem Herzen….und viel schneller als mein Gehirn denken kann, hatte ich schon begonnen zu sprechen.

 

Es saß kurz vor der Unterführung am Boden und malte mit Kreide den Dürer Hasen auf das Pflaster. Nicht die Straßenmalkreide meiner Kinder, sondern wohl eher professionelle Künstlerkreiden. Und professionell war auch seine Technik. Völlig verblüfft davon, war ich stehen geblieben. Und nicht nur ich. Ich griff automatisch dann in die Jackentasche, wo ich immer ein paar Münzen bei mir trage. Aber ich konnte nicht weitergehen. Ich beobachtete diesen Mann, der sicher viel jünger war, als es schien. Seine Kleidung sah aus, wie aus den 50Jahren des letzten Jahrhunderts und sie war blass, blank und dünngewaschen. In seinen Kleidern schien eine Schwere zu hängen, die ihm zugleich etwas Würdevolles verlieh. So als würde er einen Umhang oder ein Ornat der Trauer in Würde tragen. Ich sah ihn und sah wie durch ihn hindurch ein schweres Schicksal. Und ich sah auch einen Künstler. Einen feinsinnigen und verletzlichen Menschen. Spontan, ohne Überlegung und wie ferngesteuert sagte ich: „Sie sind ja gleich fertig mit diesem wunderschönen Bild hier…darf ich sie vielleicht zum Essen einladen?“ – „Es wäre mir eine Ehre…“ fügte ich dann noch schnell hinzu. Langsam und bedächtig hob er den Kopf und sah mit von untern her an: „Sie wollen mich einladen? Warum?“. Ich wurde rot und spürte das Gefühl von Peinlichkeit aufsteigen. Die anderen Umstehenden starrten mich jetzt auch an. Jeder mit einem anderen Ausdruck im Gesicht…“Äh…ich weiß auch nicht. Ich habe sie gesehen, wie sie hier malen…und da ist es mir so rausgerutscht…ich würde mich auf diesem Weg für ihr Kunstwerk hier bedanken? Ich freue mich daran…“ Verunsichert zeigte ich auf den nun fertigen Hasen. „Ja.“ antwortete er. „Etwas Warmes essen, das wäre schön.“

 

Und jetzt sitze ich hier mit Kurt.

 

Und würde gerne etwas erfahren. Welche Wege geht ein Leben, dass am Ende ein so offenkundig besonderer Mensch in der Hamburger Innenstadt auf dem Pflaster kniet und malt. Ein Mensch, der vermutlich obdachlos ist und nicht nur vom Leben gezeichnet.

 

„Hast Du Kinder?“ fragt er mich plötzlich und wechselt zum „Du“. Ich erzähle von meinen 3 erwachsenen Kindern und ich weiß nicht warum…ich erzähle auch von der Sprachlosigkeit, die zwischen mir und meiner Tochter herrscht, seit vielen Jahren. Seit der Trennung von meinem Mann, ihrem Vater. Er nickt und isst. Ich rede. Alles, was ich schon lange niemandem mehr erzählt habe. Alles, was ich gut in mir verschlossen habe. Denn „es ist ja eben, wie es ist“. Auch die besten Freunde mögen diese Geschichte nicht jede Woche hören. Diesen Kummer habe ich deshalb lange schon nicht mehr gespürt. Kurt hat zwischenzeitlich meinen Teller zu sich herangezogen und isst nun in langsamerem Tempo weiter. Er genießt und ist gleichzeitig ganz bei mir und meiner Erzählung.

 

Jetzt bin ich es, die verunsichert schaut. Was mach ich denn hier? Erzähle einem Wildfremden meine „Geschichten“!

 

„Ich habe Kunst studiert….in Berlin und Moskau. Hab auch in Kopenhagen und Wien gelebt. Sehr erfolgreich…ja, das war ich. Oder mein Leben sah doch wenigstens von Außen so aus. Und ich habe viel gelernt.“ Erzählt nun er. „Hast Du auch was gelernt?“ fragt er mich. Verblüfft schaue ich ihn an. „Ja klar…ich habe XY  studiert und dann…“ - „DAS meine ich nicht. Ich frage mich, ob Du was GELERNT hast. Vom Leben.“ Äh..ja bestimmt! Eine Menge doch! Ich weiß grad nicht…“ stammle ich. Puh. „Ja..schon. Du HAST eine Menge gelernt.“ Er mustert mich aufmerksam. „Und Du hast ein tiefgründiges Herz.“ Ein tiefgründiges Herz habe ich also. Was immer er damit meint…es fühlt sich gut an.

 

Ich entspanne mich und gerade will ich ihn fragen, ob er auch Kinder hat, als er weiterspricht:

 

 „Die 3 wichtigsten Dinge im Leben: Du musst lieben können, ohne irgendeine Erwartung, oder Absicht. Du musst voll und ganz verstehen können, dass in jedem Moment Deines Lebens immer ALLES möglich ist. Einschränkungen und Begrenzungen gibt es nur IN Dir. UND als Drittes: Du musst vergeben können. Da hapert’s bei dir noch ordentlich, was?“ Empört starre ich ihn an. „So’n Quatsch!“ sage ich. „Und warum sprichst Du nicht mit Deiner Tochter?“ – „Na, hör mal! Hab ich doch eben grad erzählt! Sie spricht nicht mit MIR!!!! So rum ist es!“ 

 

Er grinst nur.

 

„Wahre Vergebung hat nichts mehr mit „wer hat angefangen“ und schon GARNICHT mit „du bist Schuld - ich nicht“ zu tun! Die wirkliche Kunst und auch Kraft der Vergebung liegt darin, jemandem zu vergeben, indem Du Dir selbst vergibst.“

 

„O. Äh..Danke.“ mehr bringe ich nicht heraus. „Ich habe mich zu bedanken…“ antwortet er und steht auf. „Es war mir eine Ehre und ein Geschenk.“ sagt er mit einer angedeuteten Verbeugung und ist im nächsten Moment schon im Menschenstrom in dieser Hamburger Fußgängerzone untergetaucht

 

Ich bin tief traurig plötzlich und sitze noch eine Weile ganz für mich und mit mir beschäftigt. Dann gehe ich nach Hause.

 

Dieses besondere Erlebnis hat mich nicht mehr losgelassen und so erzähle ich einige Tage später einer Freundin davon, die ich in ihrer neuen Wohnung besuche. Sie schaut mich mit großen Augen an und verschwindet dann kurz in ihrem Schlafzimmer. Zurück kommt sie mit einem Buch in der Hand, das sie mir überreicht. „Nimm mit!“ sagte sie. „Ich habe es bereits dreimal ganz und gar durchgearbeitet.“ „DREIMAL???“ –„Ja.“ antwortet sie nur.

 

Langsam und bedächtig fängt sie dann aber an zu erzählen.

 

Sie erzählt, von einer Begegnung mit einem Straßenmaler. Einem besonderen Mann, der gerade eine wundervolle Madonna auf das Pflaster malt, als sie vorbeikam. Sie war eigentlich mit ihren Gedanken gerade bei ihrer krebskranken Schwester, aber irgendetwas hatte dennoch ihre Aufmerksamkeit erregt. Es war die Farbe. Die Farbe des Gewandes. Sie blieb stehen und schaute. Der Mann hob den Kopf und sagte zu ihr – und zu niemand sonst! Es standen viele Menschen herum und schauten… – „Manchmal ist es schwerer zu leben, als zu sterben.“ Meine Freundin brach sofort in Tränen aus. Nachdem sie sich wieder ein wenig beruhigt hatte, konnte sie den Mann fragen, woher er….wusste??? Er war jetzt aufgestanden, schaute sie aus unglaublich liebevollen Augen an und sagte nur: „Vergeben können, macht das Leben so viel leichter…“

 

Aus Sorge und Liebe für ihre Schwester hatte meine Freundin dann immer weiter und weiter nach Hilfe gesucht und auch über Vergebung nachgedacht.

 

Da war ihr eben dieses besondere Buch in die Hände gefallen: „Ho’oponopono - Vergebung heilt.“

 

Ja. Ich habe das Buch jetzt auch DREIMAL durchgearbeitet und anschließend verschenkt.

 

Das Leben ist mir immer wieder ein einziges großes Wunder…

 

Und jetzt gerade freue ich mich auf ein Treffen mit meiner Tochter. Sie will mir auch von irgendeinem Wunder erzählen. Wir telefonieren zwar jetzt fast jeden zweiten Tag, aber DIESES Wunder will sie mir persönlich erzählen. Ich habe vorgeschlagen, dass wir „Fish’nChips“ essen gehen könnten….