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EIN WAHRES WEIHNACHTSGESCHENK

 

Es war nicht wirklich kalt. Nieselregen statt „weiße Weihnacht“.

Aber langsam kroch ihm die Kälte den Rücken hinauf.

In der großen Stadt am großen Fluss wurde es immer stiller. Die Menschen kamen nun in hell erleuchteten, warmen und festlich geschmückten Zimmern zusammen, um Weihnachten zu feiern.

 

Er selbst war nun seit Stunden rast- und planlos durch die Stadt gelaufen, um diese Leere und Unruhe, die ihn an solchen Feiertagen immer überkam, abzuschütteln.

 

In seinen Taschen fand er noch genau 15,76 €. Mehr hatte er nicht mehr. Bis zum Monatsende. Wenn er Glück hatte waren da noch ein paar Konservendosen, ganz hinten im Küchenschrank. Und immerhin hatte er doch eine eigene, leidlich warme Wohnung mit einer Matratze auf dem Boden zum Schlafen.

 

 

Von der anderen Seite des großen Platzes mit all den nun dunklen Weihnachtsbuden, leuchtete ihm das festlich geschmückte Eingangsportal der großen Kirche entgegen und so lenkte er seine Schritte in diese Richtung. Vielleicht würde es hier noch einen Gottesdienst mit weihnachtlicher Musik geben? 

Und vielleicht war die Kirche sogar geheizt.

 

Doch als er beinahe die ersten Stufen zur Kirche erreicht hatte, erstarrte er vor Schreck: eine geisterhafte Stimme flüsterte laut und eindringlich aus Richtung der dunklen Kirchenmauern: „Mister! Please! Help! Bitte!“

 

Ihm gefror fast das Blut in den Adern, denn sehen konnte er in den dunklen Schatten überhaupt nichts.

Auch nicht auf den zweiten, aber auf den dritten Blick. Dann sah er ihn:

einen sehr dunklen Farbigen. Weiß leuchtende Augen schauten ihm gespenstisch, aber auch irgendwie menschlich und flehend, aus der Dunkelheit entgegen.  

In der Kirche war es hell und dort mussten wohl auch Menschen sein, aber hier im Schatten des alten Kirchengemäuers stand er ganz allein und starrte ins Dunkle. Was, wenn der Mann im Dunklen ein Messer hätte?, schoss es ihm durch den Kopf und er wich einen Schritt zurück.

Doch schon kurz darauf lauschte er mit wachsender Faszination der Geschichte dieses Farbigen.

 

Was für eine unglaubliche Geschichte! Eine Geschichte aus einer Welt, von der er noch niemals gehört hatte.

Eine Geschichte von langer Reise und Gefahr auf dem Mittelmeer, einer Familie, die sich in Lampedusa aus den Augen verloren hatte und endlich einer illegalen Flucht quer durch Europa.

Lange bevor der Kreis dieser Geschichte sich schloss und wieder die schützenden Schatten des alten Kirchengemäuers erreichte, weinte und floss er zusammen mit dieser Lebensgeschichte in seinen eigenen Kummer hinein. Erst heute Mittag – am Heiligen Abend - hatte der junge Farbige nun erfahren, dass seine Frau und seine Tochter sich mittlerweile in Bologna befänden. Er hatte sogar bereits kurz mit ihnen telefoniert!  So lag auch ein stiller Glanz auf dieser Trauer, während die beiden Männer schwiegen.

Vereint in der Trauer um eine Familie, die der eine eben noch verloren glaubte und der andere nie besessen hatte.

Einen Moment lang war es ihm, als sei dies seine Geschichte, die er da gerade gehört hatte. Seine eigene Geschichte mit einem vielleicht tröstlichen Ende dieses Mal.

 

Ohne zu zögern griff er auch in seine Jackentasche und legte dem Farbigen 15,76 € - sein letztes Geld - in die Hände.

Für eine Fahrkarte nach Bologna.

In der Heiligen Nacht.

 

Der Farbige bedankte sich überschwänglich und sie machten sich noch gemeinsam auf den Weg zum Bahnhof.

Er wollte jetzt auch nach Hause. Schlafen und warten, dass Weihnachten bald vorbei wäre.

 

Und… da war ein ungewohnt warmes und versöhnliches Gefühl in seiner Brust.

 

Als er kurz darauf langsam durch die große Bahnhofshalle zur S-Bahnstation ging, fühlte er sich nun mehr und mehr verwirrt und aufgewühlt von dem Erlebten. Und es beschlichen ihn auch erste Zweifel, ob diese Geschichte, die er da gehört hatte, wohl auch wirklich wahr war?

Dass er gerade sein allerletztes Geld für diese Geschichte gegeben hatte: auch daran dachte er nun und die Kälte streckte wieder ihre Finger nach ihm aus. 

 

Aber nein! Daran wollte er jetzt einfach nicht denken.

Mit den Tränen war eben auch das Geld geflossen und so ist es, das Leben.

Da gab es doch dieses Märchen aus seiner Kindheit. Schwester Margot hatte es  ihren kleinen Anvertrauten immer und immer wieder vorgelesen. Damals im Kinderheim. Und das Märchen klang wie die Verheißung auf eine himmlische Belohnung, wenn ein Mensch nur irgendwann genug gelitten hatte und dabei doch noch immer hilfsbereit und aufrecht geblieben war.  

 

Aber daran wollte er jetzt eigentlich auch nicht denken … und im selben Moment stoppt er abrupt: da lag etwas vor seinen Füßen. Ein Stück Papier? Das hatte ihn zum Stehen gebracht? Im nächsten Moment sah er allerdings, dass es sich um einen 50 Euroschein handelte.

 

 

Verblüfft schaute er sich um: wer den wohl verloren haben könnte? Wem der gehörte? Aber es war niemand in unmittelbarer Nähe zu sehen. Ob es Recht ist den Schein zu nehmen? Bestimmt wird jemand so viel Geld sehr bald schmerzlich vermissen?

Er zögerte und überlegte.

 

Da spürte er wieder dieses warme und weiche Gefühl in seiner Brust und als er sich bückte, um den Geldschein an sich zu nehmen, fühlte er Tränen hinter seinen Augen aufsteigen und ihm war, als würde ihm das Leben selbst ein Geschenk machen.

 

Ein Erinnerungsgeschenk.

 

                 Ein wahres Weihnachtsgeschenk.