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SCHIETWEDDER...

Gefühlt seit Monaten Dauerregen und Dauerdunkel.

Hamburger "Schietwedder" eben!

 

Manchmal MUSS er aber einfach raus.

Raus aus der Bude und laufen.

Sich bewegen, durchatmen und nach ersten Anzeichen dafür Ausschau halten, dass er irgendwann  zurückkommen wird: der Frühling.

 

Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, starrt er beim Laufen verbissen vor sich auf den Weg.

„Man müsste eigentlich in Gummistiefeln joggen!“ fährt es ihm durch den Kopf und in seinen Mundwinkeln kitzelt ihn ein klitze-kleines Lächeln.

 

Und im nächsten Moment ist es passiert: voll rein in die schlammige Pfütze vor ihm!

Sein rechter Schuh beginnt quietschende Geräusche zu machen, erst die Zehen und dann der ganze, rechte Fuß werden langsam nass. Und kalt.

 

Umdrehen? Nein. So schnell geben wir hier in Hamburg nicht auf!

Nicht wegen des Wetters jedenfalls.

 

Er beschließt seine Schritte von Schlamm und Pfützen weg, auf die Rasenfläche und näher an die großen Büsche und hohe Bäume hinüber, zu lenken.

 

Da fällt ihm etwas Rotes ins Auge. Da vorne im Gestrüpp!

Er spürt ein wenig Neugier im Bauch, als er langsam näherkommt und das Schietwedder und der nasse Fuß sind für einen Moment vergessen. 

„Das könnte ein Stück roter Stoff sein, das sich da im Gebüsch verfangen hat,“ überlegt er, aber nach fünf weiteren Schritten erkennt er: da hockt jemand ganz in rot gekleidet, bewegungslos unter dem Gestrüpp und starrt auf die Rasenfläche hinaus.

Und derjenige, der da hockt…ja wie kann man es anders beschreiben…sieht aus…wie der: WEIHNACHTSMANN.

 

„Brauchst Du Hilfe? Irgendwas passiert?“ fragt der Jogger verwirrt und bleibt stehen.

„Aaaach….“ stöhnt da der – ja, ganz ohne jeden Zweifel!!! - der Weihnachtsmann.

 

Er hebt den Kopf und schaut dem Jogger nun ins Gesicht.

Rot unterlaufene Augen. Völlig verfilzter, dreckig-weißer Bart und eine elendige Schnupfennase, aus der Schleim tropft.

Wie jemand, den man gerne zum Heiligen Abend in seiner Wohnstube hat, sieht er im Moment definitiv nicht aus!

 

„Was MACHST Du bloß hier? Weihnachten ist ja schon lange vorüber! Warum bist Du nicht zuhause am Nordpol, oder wo Du sonst so wohnst?“ fragt ihn  der junge Mann.

„Hast Du mal einen Blick auf den Wetterbericht geworfen?“ fragt der Weihnachtsmann schniefend zurück. „Weißt Du überhaupt, wann Ihr hier das letzte Mal SCHNEE hattet???“

„Nö, keine Ahnung. Warum? Weshalb ist das wichtig?“

„Immer wenn ich mich zulange irgendwo aufhalte, wo es keinen Schnee gibt, erkälte ich mich!“

„Aha. Und ja...äh...das sieht man deutlich! Aber warum bist Du nicht auch schon längst wieder zu Hause? Wir haben schon Mitte Februar!“

„Und … siehst Du etwa meine Rentiere irgendwo???“

„Nö. Und Deinen Schlitten auch nicht.“

„Geeeeeeenau! Und darum bin ich immer noch hier, Du Scherzkeks! Mein Schlitten allerdings steht hinter dem stillgelegten Fabrikgebäude dahinten…“

„Ja…und wo sind denn die RENTIERE???“

„Das ist eine lange Geschichte…“nuschelt da der Weihnachtsmann mit gesenktem Kopf in seinen Bart.

Es regnet jetzt stärker und der junge Mann fängt an zu frösteln. 

„Weißt Du, hier ist es einfach zu ungemütlich und kalt. Ich lade Dich ein, zu heißem Tee! Dahinten bei AYDIN!

Und dann erzählst Du mir mal die ganze Geschichte in Ruhe. Ich wollte auch schon immer mal wissen, was der Weihnachtsmann eigentlich im Sommer macht. So aus erster Hand sozusagen…“ grinst der junge Mann dem Weihnachtsmann entgegen.

„Du spinnst wohl! Ich kann doch da nicht reingehen! Hier kennt mich doch jeder!“

„Doch, doch. Das wird schon gehen…AYDIN ist erstens ein guter Freund von mir und zweitens stammt er aus der Türkei. Da hat wirklich niemand was mit Weihnachten am Hut! Und den Weihnachtsmann kennt man dort schon gar nicht!“

„Hoffentlich stimmt das auch“, schießt es dem jungen Mann noch kurz durch den Kopf, aber hier weiter in der Kälte herumstehen ist keine verlockende Alternative.

 

Laut ächzend und stöhnend erhebt sich der Weihnachtsmann.

Erstaunt schaut der junge Mann auf ihn herunter: „In meiner Kindheit warst Du aber viel größer!“

„Scherzkeks-Du! Es ist Februar? Vergessen? Ich sollte längst zu Hause ein und schlafen!!! Wenn ich nicht zur Ruhe komme und wenn ich nicht pünktlich nach Weihnachten ins Bett komme, dann schrumpfe ich…“

Bei den letzten Worten war er immer leiser geworden. Nun stand er mit gesenktem Kopf da und reichte dem jungen Mann so kaum bis an den Bauchnabel.

„Wir brauchen jetzt beide erstmal einen heißen Tee und dann sehen wir weiter…“ sagt der junge Mann mitfühlend.

 

Drei heiße, türkische Teegläser später, in einer dunklen Ecke in AYDIN’s Cafe, war der junge Mann gerade dabei einen Plan zu entwickeln. Die Standpauke für sein verletzendes und grobes Verhalten seinen Rentieren gegenüber, hatte der Weihnachtsmann schon hinter sich.

Ich sag mal so: gewachsen war er dadurch nicht…aber unendlich dankbar, dass der junge Mann ihm nun zur Hilfe kam in seiner dämlichen Misere.

 

Kurz darauf kritzelt der Weihnachtsmann, erst noch etwas widerwillig, dann immer befreiter, an einem Entschuldigungsbrief, verbunden mit der Bitte, sie mögen doch wiederkommen, um ihn abzuholen.

Seine Rentiere.

Also seine ehemaligen Rentiere. Ach, was ja…seine eigentlich doch über alles geliebten Rentiere!

Er unterzeichnet mit „Euer liebster Weihnachtsmann…“ und wischt sich dabei sogar verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel.

 

Seine Wangen glühen rot von Tee, Wärme und Freude. Und im schummrigen Licht des Cafes, sieht er gar nicht mal so schlecht aus.

Der Weihnachtsmann.

Schlafen darf er heute Nacht im Lager und morgen vielleicht schon? Oder doch bestimmt und spätestens Übermorgen…würden seine lieben Rentierlein kommen, um ihn nach Hause zu holen.

 

Es ist bereits stockdunkel, als der junge Mann sich auf den Weg macht.

Erst noch schnell den Brief einwerfen und dann die Straße hinunter nach Hause.

 

Als er endlich rechts in seine Straße einbiegt, nur wenige Schritte vor seinem Haus, da steht ein kleiner Mann im fahlen Schein der Straßenlaterne. 

Als er an ihm vorbei läuft, sieht er zwei lange Ohren und einen offenen, prall gefüllten Rucksack voller  bunt bemalter Eiern auf seinem Rücken….?

 

 

„Nein-nein-nein! Nicht DU AUCH NOCH!!!“ ruft er entsetzt, stürzt schnell in den Hausflur und atmet erstmal gaaaanz tiiiiief durch…