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ES GIBT TAGE...

ES GIBT TAGE…

 

...da stehe ich morgens auf und alles ist…irgendwie ANDERS. Irgendwie…MAGISCH?

Und genau gestern war so ein Tag.

Kaum einen Schritt von der Haustür entfernt, beginnt sie: die Magie dieses besonderen Tages. Aus dem Nebeneingang tritt zeitgleich mit mir ein Nachbar, oder besser gesagt: ein afrikanischer Fürst. Oder so. Jedenfalls ein Mensch mit seeehr dunkler Hautfarbe, einem grün-blau-changierendem Turban ähnlichen Kopfschmuck, einem wadenlangen Gewand im gleichen Stoff und einem…mir stockt der Atem…kurzen Schwert am Gürtel.

„Whow…“ denke ich…

Gemessenen Schrittes geht er vor mir her und ich starre ihm in den Rücken. Aus den Augenwinkeln nehme ich dabei wahr, dass auch die Welt um uns heute irgendwie…anders erscheint. Auch königlicher würde ich sagen…obwohl ich nicht sicher bin.  Ob da vorne links neben dem Gemüseladen gestern Abend, wirklich schon so eine große Dattelpalme stand?

 

Na, egal…

…ich folge dem afrikanischen Fürsten in der vagen Hoffnung, dass er zur selben U-Bahnstation geht, wie ich.

Als wir uns der Bäckerei nähern, wo Du morgens um 6 Uhr bereits den ersten Kaffee bekommst, steht dort eine kleine Gruppe auffallend kleiner Männer. Sie starren wie gebannt in die Schaufensterscheibe.

Ich nähere mich neugierig und stehe gleich darauf mit offenem Mund zwischen ihnen: die junge Türkin, die hier morgens mit so viel Ruhe und Charme die Kaffeerunden schmeißt und mit ihrem herzlichen Lächeln Brötchen und Zeitungen über den Tresen reicht, ist heute nicht da.

Statt Ihrer steht eine bildschöne, junge Frau mit pechschwarzem Haar und einem Teint, wie Milch und Honig und kirschroten Lippen hinter dem Tresen und bedient die anwesenden Frühaufsteher mit hoheitsvollen Gesten. Es herrscht eine ehrfürchtige Stille im Verkaufsraum.

Die kleinen Männer um mich herum tuscheln leise miteinander und mir fällt mein afrikanischer Fürst wieder ein. Ich schaue die Straße hinunter und sehe…nichts.

 

Es glimmt und glitzert allerdings ein wenig an der nächstgelegenen Hausecke und ich wundere mich...was das wohl ist? 

Feuerwerk?

Morgens um 6.15 Uhr?

Mein Weg zur U-Bahnstation führt mich genau dort vorbei und ich sehe: rechts um die Hausecke steht ein alter, leicht verwahrloster Mann und fuchtelt aufgeregt mit seinem Stock herum. Meine innere Stimme brüllt mir ins Ohr:

„Geh ruhig weiter und guck einfach nicht hin!“

Der Mann hat lange und zottige, graue Haare. Er trägt einen weiten Mantel. Seine Mütze liegt vor ihm auf der Straße und er wirkt, wie gesagt:  sehr aufgeregt.

Oder besser: ungehalten.

Beinahe hätte ich ihn angeguckt!

Ich glaube seine Augen leuchten rot….und schon bin ich weiter und atme auf.

Die Hauptstraße sieht aus, wie immer.

Nur auf der Bank vor der Budni-Filiale sitzt heute Morgen schon ein junger Mann. Es sieht ziemlich traurig aus. Mir fällt ein, dass ich ja ins Büro muss. Aber einen Moment innehalten und noch mal verdauen, was ich da heute Morgen schon so alles gesehen habe ist auch keine schlechte Idee.

 

Er sehr resigniert und traurig. Der junge Mann.

Mit leiser Stimme fragt er mich, ob ich ihm vielleicht weiterhelfen könne? Ich sage: „Klar. Was suchen sie denn?“ und drehe mich dabei zu ihm um. Er ist in ein merkwürdig edles Samtgewand gekleidet. Sehr dunkelblauer Samt. Mit Stickereien und farblich passenden, einzelnen Steinen, die eingewirkt sind. Ich denke spontan:

„Der ist Schauspieler und direkt aus einem Weihnachtsmärchen entsprungen!“ 

Er sagt, dass er die „Schlossallee“ suche und nun schon drei ganze Tage und Nächte unterwegs sei in dieser ihm völlig fremden Stadt.

Ich überlege.

„Also, ich glaube, es gibt in Hamburg keine Schlossallee. Aber eine Schlossstraße. Vielleicht ist das ja die Straße, wo sie hinwollen?“

Da kehrt das Leben in ihn zurück und er springt voller neuer Energie auf. Der Weg zur Schlossstraße ist schnell erklärt und dann greift er hinter die Lehne der Bank, nimmt sein Schwert und rennt von dannen.

Ich überlege, ob es sinnvoll ist überhaupt noch ins Büro zu fahren.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dort heute Elfen, Orks, Flaschengeister oder andere Kreaturen arbeiten scheint mir sehr groß.

Ich muss nachdenken.

Wie oft in solchen Momenten, greife dabei zur Brille auf meiner Nase, um sie erstmal gründlich zu putzen.

 

Doch heute geht der Griff ins Leere.